Bildhauer am Vorabend des Ersten Weltkriegs

Vortrag im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern

Verschollene Bronzeplastik von Wilhelm Gerstel: „Fallender Krieger“ von 1911

Verschollene Bronzeplastik von Wilhelm Gerstel: „Fallender Krieger“ von 1911

Der Kunsthistoriker Dr. Olaf Mückain von den Museen Worms beschäftigt sich am Dienstag, 8. Juli, um 18 Uhr unter Mitwirkung des Historikers Dr. Stefan Moebus im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern (mpk) mit den „Bildhauern am Vorabend des Ersten Weltkriegs“. Damals hatte die bildende Kunst der klassischen Moderne ihr formalästhetisches Vokabular bereits weitgehend ausgeprägt. Die figürliche Bildhauerei entwickelte sich nach der Jahrhundertwende unter dem Eindruck der verschiedenen Impulse, die von Auguste Rodin, Aristide Maillol und dem sogenannten Primitivismus ausgingen. Neben fortwirkenden akademischen Einflüssen führten Expressionismus, Kubismus und Futurismus sowie abstrakte Tendenzen zu Herausforderungen für Künstler wie Publikum. In Deutschland zeigte die große Kölner Sonderbundausstellung 1912 eine Reihe neuer Ansätze.

Dass allenthalben die Grenzen in den Künsten fallen, offenbart die Tatsache, dass nun viele Maler-Bildhauer ohne akademisch-handwerkliche Ausbildung wie Pablo Picasso oder Ernst Ludwig Kirchner im Bildhauerfach „dilettieren“ und neue Maßstäbe setzen. Alexander Archipenko und Constantin Brancusi überdehnen, deformieren und glätten die dargestellten Körper bis hin zum Zeichenhaften und der futuristische Maler-Bildhauer Umberto Boccioni befragt das Verhältnis von Zeit, Körper und Raum. In Deutschland zählen Otto Freundlich, Wilhelm Lehmbruck, Bernhard Hoetger und Ernst Barlach zur Avantgarde in der Plastik. Während Lehmbruck am Kriege verzweifelt und Barlach sich vom Befürworter zum Pazifisten wandelt, geht Hans Arp ins Schweizer Exil, um dort mit anderen Künstlern die Anti-Position des Dadaismus vorzubereiten, der seinerseits in den Surrealismus münden wird.

Der Vortrag der Freunde des mpk stellt wesentliche künstlerische Positionen der modernen Plastik zwischen Jahrhundertwende und Kriegsausbruch vor und beleuchtet kurz die Einstellung einzelner Bildhauer zum Krieg und deren Gesinnungswandel. Als Einzelbeispiel dient der mit dem Maler Max Beckmann befreundete Bildhauer Wilhelm Gerstel, der in den Jahren vor Kriegsausbruch neben Georg Kolbe und Wilhelm Lehmbruck zu den vielversprechenden deutschen Talenten zählte, seine Kriegserfahrungen in Flandern bis Ende Oktober 1914 in ergreifenden Feldpostbriefen schilderte und schließlich fünf Jahre in französischer Kriegsgefangenschaft zubrachte. Seine Künstleridentität bewahrte Gerstel, indem er mit dem Taschenmesser rund 70 Kleinskulpturen schnitzte.