Lebensqualität trotz Demenz?

Erster regionaler Fachtag Demenz im Pfalzklinikum mit über 200 Gästen

Zahlreiche Gäste beim ersten regional Fachtag Demenz im Pfalzklinikum

Zahlreiche Gäste beim ersten regional Fachtag Demenz im Pfalzklinikum

Am 4. März fand erstmalig in der Region ein Fachtag zum Thema Demenz statt. Geplant und organisiert wurde dieser vom regionalen Netzwerk „Forum Demenz Landkreis Südliche Weinstraße – Stadt Landau“. Über 200 Fachkräfte der Region hatten sich von 9 bis 16 Uhr im Pfalzklinikum versammelt, um sich wohnortnah zum Thema Demenz fortzubilden. Die Moderation der Veranstaltung übernahmen Rita Becker-Scharwatz, Fachbereichsleiterin Regionale Angebote – Leben im Alter und Sven Kaufmann, Pflegedienstleister der Kliniken für Neurologie sowie für Gerontopsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Pfalzklinikum-Geschäftsführer Paul Bomke wies in seiner Begrüßung auf die Besonderheit der Veranstaltung hin: „Wir sind stolz diesen heutigen Fachtag im Pfalzklinikum ausrichten zu können. Hier können wir zeigen, dass wir uns in der Region mit unterschiedlichen Dienstleistern vernetzen und auch bedeutende gesellschaftliche Themen wie Demenz berücksichtigen. Demenz lebt von der Beteiligung der Betroffenen, der Trialog mit diesen Menschen ist neben kommunaler Selbstorganisation sehr wichtig.“ „Wir haben Demenz als wichtiges Thema erkannt, wichtig ist nun, dass wir richtig damit umgehen. Wir kooperieren hier gut mit dem Pfalzklinikum, wir engagieren uns gemeinsam für eine Idee“, ergänzte Theresia Riedmaier, Landrätin des Kreises Südliche Weinstraße. Thomas Hirsch, Bürgermeister der Stadt Landau, hob hervor, dass man mit dem Forum Demenz auf dem richtigen Weg sei. Schließlich brauche man adäquate Projekte, um dem demographischen Wandel zu begegnen.

Im Programm ging es weiter mit einem Vortrag einer Betroffenen: Helga Rohra. Helga Rohra hat selbst seit ca. neun Jahren Demenz und ist Autorin sowie Demenz-Aktivistin. Sie setzt sich auch international für die Rechte von Demenzkranken ein. Ihr Motto hierbei lautet „Ich bin dement, na und?“ Mit der ihr eigenen Strategie „Egal, was der Arzt mir sagen wird, ich glaube an mich“, begegnete sie der Diagnose Demenz und ist seither trotz Einschränkungen unermüdlich im Einsatz. Ihr energischer Vortrag machte Mut. Dieser beinhaltete die negativen Seiten ihrer Demenz z.B. Schilderungen ihrer Krankheitssymptome, konkrete Beispiele, wie Behörden und anderen Einrichtungen ihr und ihrer Krankheit begegnet sind sowie einen Appell an Politik und Gesellschaft. Ihr Fokus lag dennoch darauf, nicht nur die schlechten, negativen Seiten zu beleuchten: „Ich kann vieles nicht mehr, aber ich kann noch einiges. Ein gelungenes Leben ist auch mit Demenz möglich, das hängt aber maßgeblich von der Gesellschaft ab.“ In der anschließenden Fragerunde übersetzte sie ihre Motivation ins Englische und wies darauf hin, dass ein Austausch mit Betroffenen nur dann eine Bereicherung sein könne, wenn die an Demenzerkrankten als Kämpfer mit Einschränkung gesehen würden, die Sieger, aber keineswegs Opfer seien („I am dementia. I am a fighter. See me as a victor, not as a victim”).

Dr. Markus Fani, Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie erläuterte in seinem Beitrag, wie somatische Krankenhäuser besser auf Patientinnen und Patienten mit kognitiven Ausfällen reagieren können. Er stellte unterschiedliche Screening-Methoden zur Erkennung solcher kognitiven Defiziten vor und arbeitete mögliches Verbesserungspotential heraus. „Viele Patienten mit einer erheblichen Einschränkung der kognitiven Leistungsfähigkeit bekommen im ambulanten Setting keine fachliche Diagnose gestellt. Hinzukommt, dass Demenz als Thema tabuisiert ist und Defizite eines Angehörigen in Familien meist kompensiert werden. Das bedeutet, dass erst nach Aufnahme in einem somatischen Krankenhaus die Einschränkungen des Betroffenen klar zutage treten, zumal zusätzliche körperliche Erkrankungen den geistigen Zustand verschlechtern.“ Als gute Screening-Methode für somatische Krankenhäuser bewertete Dr. Fani eine Kombination aus Mini-Mental-Status-Test (MMST) und einem Uhrentest: den sogenannten Drei-Wörter-Uhrentest. Die Kopplung beider Methoden gewährleiste gute Studienergebnisse zur Risikoerkennung bei Patientinnen und Patienten. Außerdem sei der Test für das Pflegepersonal einfacher zu handhaben und schneller durchzuführen.

Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Modellprojekt „Demenzkompetenz im Krankenhaus“ schilderte Patrick Landua von der Landeszentrale für Gesundheitsförderung Rheinland-Pfalz (LZG) . Im genannten Projekt handelte es sich um einen Auftrag des rheinland-pfälzischen Ministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie. In einem Projektzeitraum von Mai 2013 bis Ende Februar 2015 wurden acht Modellkliniken an elf Standorten mit 27 Stationen im Land daraufhin geprüft, wie sie mit Demenz umgehen. Hier ging es konkret um Screening-Methoden, die an zwei Patienten täglich erfolgen sollten. Insgesamt waren 1400 Patienten an der Studie beteiligt, ein Fünftel dieser wiesen im Klinikalltag kognitive Beeinträchtigungen auf. Neben konkreten Screening-Methoden sollten verschiedene Berufsgruppen mit Fortbildungen für das Thema Demenz qualifiziert und konkrete organisatorische Veränderungen vorangetrieben werden, z.B. im Kontext von verbesserter Kommunikation mit Betroffenen und Angehörigen.

André Hennig, Pflegewissenschaftler und Coach, arbeitete in seinem Beitrag heraus, wie man freiheitsentziehende Maßnahmen bei dementen Menschen reduzieren könne und wies auf mögliche alternative Methoden hin. Er bezog sich hierbei konkret auf die Fixierung in Altenheimen und erläuterte, dass die Haltung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hier eine entscheidende Rolle spielen würde: „Weiche Faktoren wie Schulungen, Wissen und das Umfeld beeinflussen, ob jemand im Altenheim fixiert wird oder nicht. Die persönliche Haltung ist hierbei ein schwankendes, unsicheres Element, auf das man schwer Einfluss nehmen kann. Eine Haltung ist nicht wissensgebunden, sondern hochbiografisch. Aber es gibt Möglichkeiten eine Haltung zu ändern z.B. durch konkrete Fortbildungen zum Thema Fixierung oder einer Pflegeleitung, die absolut gegen solche und für alternative Methoden ist und hier den Finger draufhält.“

Im letzten Programmpunkt ging es um den sogenannten therapeutischen Tischbesuch, kurz TTB. Hierbei handelt es sich um eine Methode, um Demenzkranke kurzfristig durch spezielle Impulse zu aktivieren. Die Referenten Bettina Rudert und Bernd Kiefer, beides Diplom-Sozialarbeiter und Geronto-Soziotherapeuten vermittelten in ihrem interaktiven Vortrag praktische Methoden für einen guten Umgang mit dementen Menschen. Durch konkrete Übungen wurde das Publikum eingebunden und herausgearbeitet, dass es wichtig sei, auf den dementen Menschen, also seine Vergangenheit, seine Persönlichkeit etc. einzugehen. Der Ablauf des TTB gestaltet sich in drei Schritten: Begrüßung, Kommunikation anregen z.B. durch extra mitgebrachte Gegenstände, über die man sich unterhalten kann und die Verabschiedung.

Der Fachtag Demenz endete um 16 Uhr, Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten ein breites Spektrum an neuem Wissen sowie Tipps und Tricks mitnehmen.