„Nichtstun ist Arbeit“ 

Vortrag im Pfalzklinikum im Rahmen der zweiten Frauengesundheitstage

Gemeinsam philosophieren: beim Vortrag von Dr. Alice Lagaay

Dr. Alice Lagaay war am Donnerstag, 1. Dezember, zu Gast im Pfalzklinikum. Im Rahmen der zweiten Frauengesundheitstage hielt sie einen Vortrag unter dem provokativen Titel „Yes, I can’t (Ja, ich kann nicht) – Philosophische Strategien zum Überleben in der Leistungsgesellschaft“. „Alle zwei Jahre finden die Frauengesundheitstage statt. In diesem Jahr richten wir den Blick bewusst auf Gesundheit, das heißt auf deren Entstehung und Erhaltung. Dazu gehören zwei Elemente: der Geist und der Körper. Heute Abend geht es um den Geist,“ begrüßte Silke Mathes, Gleichstellungbeauftragte des Pfalzklinikums, die Anwesenden.

Dr. Alice Lagaay freute sich über die Möglichkeit, ihre Philosophie außerhalb der Universität zu präsentieren; „Ich bewege mich aus dem gewöhnlichen Rahmen heraus, um Ihnen meine Philosophie näher zu bringen. Auch Sie werden vielleicht Ihre Komfortzone verlassen müssen, denn die Sprache der Philosophie ist manchmal fremd und ganz besonders.“
Die Referentin erörterte, dass die Theorie der negativen Performanz, ihr Forschungsbereich, ein Randgebiet der akademischen Philosophie ist: „Meine Arbeit baut zwar einerseits auf die Tradition der Phänomenologie auf, in Deutschland dominiert seit einer Weile die sogenannte analytische Philosophie, die mehr mit Logik als mit Lebenserfahrung bzw. Wahrnehmung zu tun hat. Andererseits geht mein Forschungsgebiet der Performanz auf die sprachphilosophische Erkenntnis zurück, dass Sprache nicht nur dazu dient, Welt zu beschreiben, sondern auch Welt zu schaffen. Dieses konstitutive, weltmachende Element nennt sich in der Philosophie Performativität. So werden zum Beispiel Krankheiten erst wirklich wahrgenommen ab dem Moment, wenn sie bezeichnet werden.“  Lagaay erklärte, dass die Performativität, die eng mit dem Konstruktivismus verwandt ist, die theoretische Landschaft der Kulturtheorie in den letzten Jahrzehnten stark geprägt hat. Mit dieser Idee des Performativen wird das Bild des Menschen in den Vordergrund gerückt. Doch Lagaay fragte nach der Kehrseite der Performanz. Ein Schlüsselbegriff dabei ist der Begriff der Indifferenz.  Der Vortrag hinterfragte darüber hinaus, ob es in unserer Gesellschaft die Möglichkeit gibt, zu sein ohne eine Position zu beziehen. Lagaay arbeitete heraus, dass es heute schwieriger sei, keine Position einzunehmen, da man konstant nach seiner Meinung gefragt werde und sich ständig differenzieren muss. Dies führt schnell zur Erschöpfung.

Sie forderte das Publikum auf, selbst zu philosophieren: „Sie müssen ihren philosophischen Muskel trainieren, einen theoretischen Ort der Indifferenz in Ihrer Mitte. Jeder von uns ist mit der Kraft des Nichtkönnens vertraut.  Das Geheimnis jeden Potentials ist die Kunst der Impotenz, des Nichtkönnens, des Nichtseins, des Nichttuns, die Fähigkeit sterben zu können. Auch das ist Arbeit. In Bezug auf den französischen Zeichentheoretiker Roland Barthes kann man diesen Raum der Indifferenz als Neutrum bezeichnen. Die Suche nach diesem ist nicht nur ein Projekt, es ist eine Lebensart, ein savoir vivre, eine Einstellung zum Leben.“ Um hier eine bewusste Interaktion zu erzeugen und zum Nachdenken anzuregen, verteilte Dr. Alice Lagaay Zitate unterschiedlicher Philosophen. Diese wurden in Kleingruppen diskutiert und danach im Plenum erläutert. „Die Zitate zeigen etwas vom Geheimnis der Sprache: Es wird an der Oberfläche etwas formuliert, doch gleichzeitig wird darüber hinaus eine andere Ebene der Bedeutung gezeigt. Denn alles kann so oder so gesehen oder interpretiert werden. In einem Moment spricht uns ein Satz an, doch bei anderem Wetter sagt dieser etwas anderes oder nichts aus. Der Schlüssel ist, dass es kein Rezept für das Problem der Positionierung gibt. Man muss sich bewusst machen, dass es Perspektiven gibt, aber keinen ultimativen Zugang zur Wahrheit, “ so Lagaay.

Dr. Alice Lagaay ist Vertretungsprofessorin am Lehrstuhl für Medientheorie und Kulturgeschichte der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Sie forscht unter anderem zur Philosophie der Stimme und des Schweigens.


Kontakt

Silke Mathes

Gleichstellungsbeauftragte

Pfalzklinikum

Tel. 06349 900-1009

silke.mathes@pfalzklinikum.de