Pfälzer Juden und ihre Deportation nach Gurs

Buchvorstellung in der Arbeitsstelle „Geschichte der Juden in der Pfalz“ in Lambrecht

Lesen aus Briefen jüdischer Häftlinge: (von links) Barbara Schuttpelz, Dr. Sabine Klapp, Dr. Christian Decker und Roland Paul

Lesen aus Briefen jüdischer Häftlinge: (von links) Barbara Schuttpelz, Dr. Sabine Klapp, Dr. Christian Decker und Roland Paul

Es war ein bewegender Abend im vollbesetzten Foyer der Pfalzakademie Lambrecht, als in der neuen Arbeitsstelle „Geschichte der Juden in der Pfalz“ das neue Buch von Roland Paul mit dem Titel „Pfälzer Juden und ihre Deportation nach Gurs. Schicksale zwischen 1940 und 1945“ vorgestellt wurde. Die Arbeitsstelle ist dem Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde Kaiserslautern angegliedert und wird vom ehemaligen Institutsdirektor Roland Paul ehrenamtlich geleitet. Ihm zur Seite steht der Theologe Bernhard Gerlach. „Mit der Arbeitsstelle, eingerichtet durch den Bezirksverband Pfalz, erhält die Geschichte der pfälzischen Juden langfristig einen festen Platz in der Arbeit des Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde und erfährt zugleich eine Würdigung“, so Dr. Sabine Klapp, Direktorin des Instituts. Seit vielen Jahren schon beschäftigt sich Roland Paul mit der Geschichte der Juden in der Pfalz, insbesondere mit Blick auf das 19. und 20. Jahrhundert. In diesem Arbeitsbereich ist auch seine neuste Publikation entstanden, eine biografische Dokumentation über die Deportation der Pfälzer Juden nach Gurs. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts rezitierten an diesem Abend aus Briefen, die jüdische Häftlinge und Überlebende des Holocaust verfasst hatten: Barbara Schuttpelz las aus den Erinnerungen von Margot Wicki-Schwarzschild an den Abtransport und von Anni Ebbecke-Blums an Gurs, Dr. Sabine Klapp stellte die Briefe von Gretl Drexler aus Gurs 1940/41 an ihre Tochter vor, Dr. Christian Decker las Auszüge aus den Erinnerungen von Heinrich Brunner vor und Roland Paul berichtete über die Erlebnisse im Camp des Milles von Robert Mayer und zitierte bewegende Passagen von Ludwig Moses.

Die Briefe und Berichte gaben Zeugnis von den tagelangen Transporten in überfüllten Sonderzügen nach Gurs und zeichnen ein schonungsloses Bild über den Alltag im Internierungslager. Am Fuß der Pyrenäen lag das Internierungslager Gurs, das seit 1940 der Vichy-Regierung als Lager für internierte deutsche Emigranten diente. Die Gefangenen lebten hier in hölzernen Baracken. Auf lehmigem Grund errichtete man seine Bettstatt und bekam zwei Teller Suppe am Tag. Wer Geld hatte, konnte sich Fleisch oder Butter dazukaufen. Mehr als 6.000 Deportierte – Männer, Frauen und Kinder aus Baden, Pfalz und Saarpfalz – mussten auf engstem Raum schlafen, essen und arbeiten. Bereits im ersten Winter starben in den schlecht isolierten, kaum heizbaren Holzbaracken des Lagers Hunderte meist ältere Menschen an Infektionen, Kälte und Entkräftung. Die Verhältnisse vor Ort waren unbeschreiblich. Die Gefangenen mussten sich ihren Weg durch den knöcheltiefen Schlamm bahnen – eine Tortur, besonders für die alten und kranken Menschen. Der Mangel an Medikamenten, ständiger Hunger, die Trennung von der Familie und die Angst vor den gerüchteweise bekannt werdenden Transporten in den Osten bestimmten den Lageralltag. Daneben gab es aber auch kleine Lichtblicke, wie das Carepaket von den im Ausland lebenden Angehörigen, musische Abende, Theater- und Tanzaufführungen oder das Weihnachtskonzert von 1940. Doch das Schicksal der Briefeschreiber war bereits besiegelt. Viele der internierten pfälzischen Juden starben vor Ort oder in den Konzentrationslagern von Auschwitz, Majdanek oder Treblinka. Nur wenige hatten das Glück, in ein Land ihrer Wahl auszureisen.

Mit dieser Veranstaltung wurde die Arbeitsstelle „Geschichte der Juden in der Pfalz“ einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Zu den Aufgabenfeldern gehören neben der allgemeinen Recherche zur jüdischen Bevölkerung in der Pfalz auch Nachforschungen über jüdische Opfer der NS-Herrschaft und die Beantwortung von familiengeschichtlichen Anfragen von Nachkommen jüdischer Auswanderer. Die Arbeitsstelle steht Städten und Gemeinden hinsichtlich der Aufarbeitung ihrer jüdischen Bevölkerung zur Beratung offen und ist Anlaufstelle für Historiker, Heimatforscher, Studenten und Schüler sowie allen Interessierten. Das 420 Seiten starke Buch ist für 29,50 Euro im Buchhandel sowie online im Buchshop des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde, www.bv-pfalz.de/shop/, erhältlich.