Zeitzeuge beeindruckt Jugendliche in Gurs

Gedenkfahrt des Bezirksverbands Pfalz ins ehemalige Internierungslager

Gebannt von den Berichten des Zeitzeugen: Jugendliche aus der Pfalz und aus Baden mit Paul Niedermann im ehemaligen Internierungslager Gurs

Gebannt von den Berichten des Zeitzeugen: Jugendliche aus der Pfalz und aus Baden mit Paul Niedermann im ehemaligen Internierungslager Gurs

„Nur Essen zählte“, resümierte Paul Niedermann über die Zeit in den Internierungslagern Gurs und Rivesaltes, bis ihn eine dramatische Flucht über mehrere Kinderheime und Verstecke schließlich in die Schweiz führte. Insgesamt 31 Jugendliche aus der Pfalz und Baden, darunter neun junge Mitglieder der Israelitischen Religionsgemeinschaft, nutzen bei der diesjährigen Gedenkfahrt des Bezirksverbands Pfalz sowie weiterer Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft zur Unterhaltung und Pflege des Deportiertenfriedhofs in Gurs die Gelegenheit, den Berichten des Zeitzeugen Paul Niedermann zu lauschen.

Während der Begehung des Lagers und bei einem anschließenden Gespräch hörten die Jugendlichen gespannt und bewegt den Berichten von Paul Niedermann zu, etwa darüber, wie es war, als die Nazis am 22. Oktober 1940 die über 6.500 Juden aus der Pfalz und Baden verschleppten und wie der Alltag im Lager aussah. Hunger und Kälte, Ratten und Ungeziefer, unerträgliche hygienische Zustände und die schier ungeheuren Schlammmassen machten den Insassen das Leben schwer. Zahlreiche von ihnen starben dort und in anderen südfranzösischen Lagern unter den katastrophalen Bedingungen, fast die Hälfte wurde in die Vernichtungslager der Nazis im Osten gebracht und ermordet. Einige überlebten den Terror, nur ganz wenige von ihnen kehrten in die Pfalz oder nach Baden zurück. Der 1927 geborene Paul Niedermann verbrachte seine ersten Lebensjahre in Karlsruhe, von wo aus er mit seinen Eltern, seinem Großvater und seinem vier Jahre jüngeren Bruder Arnold im Rahmen der sogenannten „Wagner-Bürckel-Aktion“ nach Gurs verschleppt wurde. Nachdem sie 1942 in das Lager Rivesaltes verlegt wurden, verhalf die jüdische Organisation Oeuvre de secours aux enfants (OSE) ihm und seinem Bruder zur Flucht. Arnold konnte in die USA geschleust werden, Paul hielt sich mit anderen jüdischen Kindern an mehreren Orten in Frankreich versteckt, bis die OSE ihn Ende 1943 über die Schweizer Grenze bringen konnte. Während sein Großvater bereits den schrecklichen Zuständen im Lager Gurs zum Opfer gefallen war, wurden seinen Eltern wie viele andere nach Majdanek und Auschwitz gebracht und dort getötet. Heute lebt Paul Niedermann in Paris.

Die Schüler nahmen in Gurs zusammen mit einer Delegation von politischen Vertretern aus Deutschland und Frankreich sowie Mitgliedern der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden an der offiziellen Gedenkfeier der Arbeitsgemeinschaft teil, der neben den badischen Städten seit 2006 auch der Bezirksverband Pfalz angehört. Darüber hinaus besuchten sie die Synagoge in Pau, wo koscheres Essen und zahlreiche Fragen zur jüdischen Kultur und Religion auf dem Programm standen, die der Rabbiner ihnen beantwortete. „Ich habe auch viel über meine eigene Religion gelernt, zum Beispiel über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von aschkenasischen und sephardischen Traditionen“, sagte einer der jüdischen Jugendlichen, der 17-jährige Daniel Golikov aus Freiburg. „Besonders schön war es, diese Erfahrung gemeinsam mit anderen Jugendlichen aus der Pfalz und aus Baden zu machen und auch jüdische Gleichaltrige näher kennenlernen zu können“, so die 19-jährige Eva-Maria Engelhardt aus Kaiserslautern.

Die Jugendlichen begleitete unter anderem Roland Paul vom Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, der im Auftrag des Bezirksverbands Pfalz seit mehr als 20 Jahren dem Schicksal der pfälzischen Juden auf der Spur ist. Seine langjährigen Forschungen, unter anderem im Archiv des Départements Pyrénées-Atlantiques in Pau, hat er in der umfangreichen Publikation „Die nach Gurs deportierten pfälzischen Juden“ zusammengetragen. Seit einigen Jahren beschäftigt sich der Bezirksverband Pfalz intensiv mit dem dunkelsten Kapitel der pfälzischen Geschichte. 2001 bewilligte der Bezirkstag Pfalz einen Zuschuss von 25.000 Euro zur Errichtung einer Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagergelände in Gurs, das nach Kriegsende eingeebnet und mit Bäumen bepflanzt wurde. 2006 trat der Bezirksverband Pfalz der Arbeitsgemeinschaft badischer Städte bei und zahlt nun jährlich einen Zuschuss von 5.000 Euro für die Pflege und Unterhaltung des Friedhofs, auf dem etwa 1.070 deportierte Juden aus Baden und der Pfalz beerdigt sind.