Gedenkfahrten 2018 / 2019

Auf den Spuren Anne Franks in Amsterdam

 In zwei aufeinanderfolgenden Jahren holte der Bezirksverband Pfalz die Ausstellung „Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte“ in die Pfalz. Die Ausstellung richtete sich vornehmlich an Jugendliche, und basierte auf dem Prinzip der „Peer Education“ – d. h. Schüler führten ihre gleichaltrigen Gäste durch die Schau. Diese „Peer Guides“ waren, neben weiteren interessierten Jugendlichen aus der Region, eingeladen, auf den Spuren Anne Franks nach Amsterdam zu reisen.

Die Gedenkfahrt wurde zweimal in fast identischer Form 2018 und 2019 umgesetzt. Der Erfahrungsbericht einer teilnehmenden Schülerin der Fahrt 2019 macht deutlich, welch starken Eindruck das pädagogische Programm und authentischen Orte auf die jungen Gäste hatten:

Jugendgedenkfahrt 2019

Ein Bericht von Paula Schmidt (Theodor-Heuss-Gymnasium Ludwigshafen, 9. Kl)

Aufgeregt, gespannt und gut gelaunt – das waren wir alle, die Peer Guides des Theodor-Heuss-Gymnasiums sowie der Anne-Frank Realschule+ am Morgen der Abfahrt nach Amsterdam. Keiner von uns hatte die leiseste Ahnung, dass uns diese Fahrt so sehr prägen würde, wie keine Klassenfahrt je zuvor.

Freiheit, Toleranz und Weltoffenheit: Der Vibe Amsterdams war so präsent, dass wir diesen direkt an unserem ersten Tag spüren konnten. Diese Liberalität begegnete uns Peer Guides während der Jugendgedenkfahrt immer wieder, an unterschiedlichsten Orten mit unterschiedlichsten Menschen.

Als wir am ersten Tag das Anne-Frank-Haus besichtigten, wurde mir direkt klar, dass die nächsten Tage nicht so locker werden würden, wie anfangs gedacht.

Obwohl ich mich monatelang mit Anne Frank beschäftigt und das Tagebuch intensiv gelesen hatte, wurde mir im Versteck plötzlich klar vor Augen geführt, was dieses junge Mädchen und ihre Familie durchmachen mussten, unter welchen Umständen sie gelebt haben, wie diese Zeit ihre Charaktere und Persönlichkeiten geprägt hat. Am Ort des Geschehens zu sein und direkt damit konfrontiert zu werden, ist einfach etwas anderes, als das bloße Aufsaugen von Informationen beim Lesen eines Buches.

Als ich durch die engen Zimmer lief, begleitet von vielen anderen Menschen, sah ich manche, die gebannt dem Audioguide zuhörten, andere, die gelangweilt von Raum zu Raum liefen. Eine Masse von Menschen, die sich dicht an dicht durch die engen Räume drückte.

Das machte mich traurig, weil viele nicht den Eindruck machten, überhaupt die Botschaft dieses Ortes verstehen zu wollen, sondern das Anne-Frank-Haus nur endlich von ihrer Amsterdam-To-Do Liste abhaken wollten.

Besonders ein Zitat von Emma Thompson ist mir in Erinnerung geblieben: “All her would-haves are our opportunities.“ Das hat mir vor Augen geführt, dass das, was für Anne ein Traum war, unsere Realität ist: Wir haben all diese Möglichkeiten, hier und jetzt.

Wir haben das Privileg der Freiheit, durften diese Reise erleben und unsere “opportunity“ nutzen. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

Daraufhin begann unser Museenmarathon, bei dem besonders das National Holocaust Museum herausstach. Hier konnte man die zwei Seiten des Holocausts sehen: einerseits das zerstörerische, menschenverachtende, größenwahnsinnige Machtdenken der Nazis, der ausgeprägte Rassismus und eine wie nie zuvor so effiziente Propaganda, die die Massen manipulierte und mobilisierte.

Auf der andere Seite das endlose Leid aller Verfolgten, deren tägliches Brot die Angst um ihr Leben war, die fliehen und ihre geliebte Heimat verlassen mussten und auf die grausamsten Wege und durch maßlose Brutalität gequält und getötet wurden.

Menschen, die die gleiche Sprache sprachen, die gleiche Heimat hatten, und noch viel wichtiger: auch nur Menschen waren. Noch deutlicher wurde uns dies im Internierungslager Amersfoort und im Lager Herzogenbusch (Kamp Vught).

Es war schrecklich zu erfahren, welche Qualen die Inhaftierten erleiden und welche unwürdigen und sinnlosen Arbeiten sie erledigen mussten, bis hin zur absoluten Erschöpfung oder dem Tod durch Arbeit. Beim Rundgang durch die Baracken konnte man auch sehen, wie schlecht die Verpflegung und Hygiene waren und wie zusammengepfercht die Inhaftierten leben mussten.

Mich berührten all die Lebensgeschichten und Schicksale vieler Inhaftierter, die die Guides uns erzählten. Als wir jedoch vor einem Kinderdenkmal standen, das an all die ermordeten Kinder von Kamp Vught erinnern soll, sah ich eine Flut von Namen, die mir nur so entgegenströmte. Ich dachte an all die unschuldigen Kinder, ihre verzweifelten Eltern, ihr viel zu kurzes, ungelebtes Leben. Plötzlich kamen auch mir die Tränen. Als der ältere Mann, der uns gegenübersaß, unsere Reaktion bemerkte, sagte er folgendes:

„Kinder, es ist nicht eure Schuld. Die Vergangenheit kann man nicht mehr ändern. Nur lasst niemals zu, dass so etwas jemals wieder passiert.“ Dieser Satz hat sich bei mir im Gehirn eingebrannt, er lässt sich nicht mehr entfernen.

Am Ende der Führung zeigte uns der Guide einige Gedenktafeln für Opfer des Lagers, die beschmiert wurden und deshalb ersetzt werden mussten. Für mich drücken diese mutwillig zerstörten Gedenktafeln Hass und blinde Zerstörungswut aus, was in unserer Gesellschaft leider auch heute noch existiert und ein alltägliches Problem darstellt. Der Guide wies uns auf ein Gedicht hin, das jemand geschrieben hatte, um sich offen gegen den Vandalismus zu stellen. Dieses besagt, dass der Täter vor allem seinen eigenen Namen beschmiert hat, nicht die der Opfer. Das Gedicht endet mit einem unglaublich mächtigen Wort: „Frieden“. Es liegt an uns, diesen zu wahren, zu beschützen, zu sichern.

Während unserer Zeit in Amsterdam hatten wir auch die Möglichkeit, die Stadt durch eine Stadtführung und Grachtenfahrt sowohl vom Land, als auch vom Wasser aus näher kennenzulernen. Wir konnten die Hauptstadt auch auf eigene Faust erkunden und selbst entscheiden, was wir machen wollten. Auch an den Abenden hatten wir Freizeit und spielten fast jeden Abend Fußball gegen ein niederländisches Team – das hat allen viel Spaß gemacht!

Während dieser Zeit wuchsen wir Peer Guides auch als Gruppe zusammen. Diese Fahrt sorgte für ein Zusammenwachsen von Schülern zweier verschiedener Schulformen, die vorher nichts miteinander zu tun hatten. Es motivierte uns alle, die unsichtbare „Grenze“ zwischen beiden Schulen zu überwinden. Statt jeden Tag aneinander vorbeizugehen, wollen wir eine Gemeinschaft zwischen beiden Schulen entstehen lassen! Eine Gemeinschaft, in der die Schulform und Herkunft keine Rolle spielt.

Diese Gedenkfahrt hat mehr erreicht, als mich zum Nachdenken zu bringen. Sie hat mir tiefe Einblicke in die Geschichte und Gedankenwelten unserer Menschheit gewährt und genau diese Einblicke muss jeder von uns auf seine eigene Art und Weise verarbeiten.

Ich fühle mich dazu verpflichtet, die Werte unserer Demokratie jeden Tag neu zu vertreten und weiterzugeben. Besonders aber habe ich mir vorgenommen, meine moralische und politische Haltung klar zu vertreten.

In einer Zeit, in der Rechtsextremismus wiederauflebt, ist es umso wichtiger, diese Werte jeden Tag aufs Neue zu leben, zu vertreten, zu vermitteln.

Leider vergessen wir Menschen Leid schnell. Wir dürfen aber niemals vergessen, dass sich hier eine Tragödie der Menschheit ereignet hat, die Millionen Unschuldiger in den Tod gerissen hat.

Wir müssen an die Worte des alten Mannes im Lager denken, der uns aufgetragen hat, Frieden zu sichern und so etwas niemals wieder geschehen zu lassen. Es lohnt sich, jeden Tag etwas zum Frieden beizutragen. Nichts ist selbstverständlich.

Danke, dass ich Teil dieses tollen Projekts und der unglaublichen Fahrt sein durfte. Ich werde mir die Worte von Emma Thompson zu Herzen nehmen und versuchen, meine “opportunities“ zu nutzen!