Gurs-Ausstellung macht in Frankenthal Station

Schau im Rathaus mit Begleitprogramm

Beschäftigt sich seit Jahren mit dem Kulturleben in Gurs: Dr. Gabriele Mittag

Die Ausstellung „Gurs 1940. Die Deportation und Ermordung von südwestdeutschen Jüdinnen und Juden“ ist vom 4. Juli bis 19. August im Rathaus von Frankenthal, Rathausplatz 2-7, im zweiten Obergeschoss zu sehen (Eintritt frei); das Rathaus ist montags und dienstags von 8 bis 12 Uhr, mittwochs von 8 bis 14 Uhr, donnerstags von 8 bis 12 Uhr und 14 bis 18 Uhr und 8 bis 12.30 Uhr zugänglich. Organisiert wird die Präsentation vom Stadtarchiv Frankenthal in Kooperation mit dem Förderverein für jüdisches Gedenken Frankenthal. Eröffnet wird die Ausstellung am Montag, 4. Juli, um 16 Uhr durch Oberbürgermeister Martin Hebich. Nach ihm sprechen Bezirkstagsvorsitzender Theo Wieder, Werner Schäfer vom Förderverein für jüdisches Gedenken und Dr. Dörte Kaufmann vom Stadtarchiv Frankenthal.

Die Deportation von mehr als 6.500 Jüdinnen und Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland ist Thema der umfassenden Wanderausstellung. Bei den Verschleppungen am 22. und 23. Oktober 1940 handelt es sich um eine der ersten systematischen Deportationen durch die Nationalsozialisten. Das Ziel der Züge, die in zahlreichen Städten gestartet waren, war das Lager Gurs, das am Fuße der Pyrenäen in Südwestfrankreich 1939 für Flüchtlinge des spanischen Bürgerkrieges errichtet worden war. Viele der Deportierten starben dort oder in anderen Lagern Südfrankreichs. Die in Gurs Internierten wurden ab dem Sommer 1942 nach Auschwitz-Birkenau und Sobibor verschleppt und ermordet. Nur wenige Menschen überlebten.

Die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz (GHWK) hat die Ausstellung in deutscher und französischer Sprache erarbeitet. Sie zeigt den Ablauf der Deportation und das Verhalten der lokalen Bevölkerung, beschreibt die furchtbaren hygienischen Zustände im Lager Gurs anhand von Berichten, Fotos und Zeichnungen der dort internierten Menschen und beleuchtet schließlich auch die Zusammenarbeit der Vichy-Regierung mit den Nationalsozialisten. Weitere Kapitel widmen sich der Erinnerungskultur und der Aufarbeitung.

Ein Gastvortrag von Dr. Gabriele Mittag findet am Dienstag, 5. Juli, um 18 Uhr statt, der sich unter dem Titel „Zwischen Himmel und Hölle“ dem Kulturleben und künstlerischen Schaffen hinter Stacheldraht widmet. Kulturveranstaltungen und künstlerische Tätigkeiten spielten für die in Gurs Internierten eine bedeutende Rolle, um eine stärkende Gemeinschaft zu erleben und wenigstens für kurze Zeit die bedrohliche Lebenssituation zu vergessen. Viele der Internierten hatten zudem auf beeindruckende Weise ihrer Hoffnung, ihrer Verzweiflung und ihrem Überlebenswillen Ausdruck verliehen. In Briefen, Gedichten, Liedern, Zeichnungen und Malereien, Musik, Revuen, Kabarett und Romanen klagen die Menschen an und begehren auf gegen die maßlose Menschenrechtsverletzung. In Gurs war eine große Anzahl namhafter Künstler und Künstlerinnen aus ganz Europa interniert wie Lou Albert-Lasard, Ernst Busch und Alfred Nathan. Alle diese Werke der Internierten sind Ausdruck des Widerstands gegen die psychische und physische Vernichtung durch Exil und Internierung. Sie sind bedeutende Zeugnisse jüdisch-deutscher und jüdisch-europäischer Kulturgeschichte, die es zu bewahren gilt. Der Vortrag veranschaulicht diesen großen Reichtum an kulturellem Ausdruck exemplarisch am Beispiel von Tondokumenten, Interviews mit Zeitzeuginnen und Bildern aus dem Lager.

Dr. Gabriele Mittag studierte Literatur und Theaterwissenschaft in Berlin und Paris und war seit 1989 unter anderem für den Tagesspiegel, Deutschlandradio und die Süddeutsche Zeitung journalistisch tätig. Bekannt wurde sie durch ihre Porträts namhafter Künstlerinnen und Emigrantinnen jüdischer Herkunft wie Gisèle Freund, Ruth Fabian und Ilse Bing und Forschungen zum französischen Internierungslager Gurs. Inspiriert durch die Begegnung mit der Malerin Herta Hausmann während ihrer Pariser Zeit realisierte sie 1990/91 die Ausstellung „Gurs – deutsche Emigrantinnen im französischen Exil“ in Kooperation mit dem Werkbund-Archiv in Berlin im Martin-Gropius-Bau. 1995 erschien ihre Dissertation unter dem Titel „Verdammte gibt es nur in Gurs – Kunst und Kultur in einem französischen Internierungslager 1939-1944“. Seit diesem Jahr arbeitet sie als Head of Staff Unit Press für die gemeinnützige internationale Organisation MIND Foundation, deren Mitglieder sich für neue Behandlungswege bei Traumatisierten, Depressiven und Menschen mit Angststörungen einsetzen.

Am Mittwoch, 13. Juli, um 18 Uhr findet ein Vortrag mit Fotos von Herbert Baum, dem Vorsitzenden des Fördervereins für jüdisches Gedenken Frankenthal, statt: „1940 – 2022: Frankenthal erinnert an die Internierung der Juden im Lager Gurs“. Dabei stehen die deutschen und französischen Aktivitäten des Erinnerns und Gedenkens von 1945 bis heute im Mittelpunkt. Vor allem die von der Deportation betroffenen badischen Städte kümmerten sich nach 1945 um eine würdige Erhaltung des Friedhofs mit über 1.000 Gräbern. Nach und nach erinnerten Deutsche und Franzosen mit einfachen Nachbildungen des Lagers und Gedenksteinen an die drei schrecklichen Jahre von 1940 bis 1943. 1992 legte der Frankenthaler Bürger Fridolin Hauck am Gedenkstein des Friedhofs im Auftrag der Stadtverwaltung einen Kranz nieder. Im Laufe des Jahres motivierte er zahlreiche Frauen und Männer zur Gründung des Fördervereins für jüdisches Gedenken Frankenthal.

Seit 2000 organisiert der Bezirksverband Pfalz regelmäßig Gedenkreisen nach Gurs für offizielle Delegationen und Schülerinnen und Schüler aus der Pfalz. Heute informieren die Nachbildung einer Baracke, ein Erinnerungsweg mit zahlreichen Informationstafeln in einem Teil des ehemaligen Lagers und ein Ausstellungsgebäude an die Leiden, an das Sterben und an die Ermordung der jüdischen Menschen. Der Förderverein hat seit 2000 diese Entwicklungen mit zahlreichen Fotos dokumentiert. Herbert Baum ist seit 1999 Vorsitzender des 1993 gegründeten Fördervereins.

Die Ausstellung ist von Pfälzer Städten, Gemeinden, Museen und Initiativen kostenfrei beim Bezirksverband Pfalz buchbar (Telefon 0631 3647-166 und a.pfenninger@bv-pfalz.de). Weitere Infos unter https://www.bv-pfalz.de/gedenken-erinnern/80-jahre-gurs/; dort sind auch Videos der Vorträge und des Gesprächskonzerts anlässlich der Ausstellungseröffnung im Historischen Museum der Pfalz in Speyer im Frühjahr 2021 zu sehen.