„Man muss nur Mut haben…“

Pfälzer Juden vor 70 Jahren nach Gurs deportiert

Einer der über 800 Pfälzer Juden

Mit einer Reihe von Veranstaltungen, darunter Vorträge, eine Kammeroper und eine Ausstellung, gedenkt der Bezirksverband Pfalz in den kommenden Monaten der Deportation der Pfälzer Juden nach Gurs vor 70 Jahren. Den Auftakt bildet der Vortrag „Gurs – End- und Zwischenstation pfälzischer Juden" von Roland Paul am Mittwoch, 7. April, um 19.30 Uhr im Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern, Benzinoring 6 (Eintritt frei). Mit einer Blauen Stunde bereitet das Pfalztheater am Freitag, 16. April, um 18 Uhr im Casino der Volksbank Kaiserslautern die Uraufführung einer Auftragskomposition vor; unter dem Motto „Man muss nur Mut haben…" liest Antje Weiser aus den Briefen der Landauer Jüdin Gretl Drexler, die 1940 ins Internierungslager in Südwestfrankreich deportiert wurde. In ihren Briefen und Karten, die sie von 1940 bis 1942 an ihre Schwester in der Schweiz geschrieben hat, offenbart sich der ganze Schrecken des menschenverachtenden Lagerlebens. Roland Paul vom Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde gibt eine historische Einführung (Eintritt frei). Die Kammeroper „Gestohlenes Leben" ist erstmals auf der Werkstattbühne des Pfalztheaters Kaiserslautern am Freitag, 7. Mai, um 20 Uhr zu hören; die Partitur stammt aus der Feder von Helmut Bieler, bis 2004 Professor für Musikpädagogik in Bayreuth und studierter Komponist, das Libretto von seiner Tochter Susanne Bieler, die als Dramaturgin am Pfalztheater beschäftigt ist. Eine Einführungssoiree mit dem Komponisten und der Librettistin sowie Regisseur Uwe Drechsel, Kapellmeister Andreas Hotz und dem leitenden Musikdramaturg Andreas Bronkalla findet am Dienstag, 27. April, um 18 Uhr auf der Werkstattbühne statt; weitere Aufführungen sind für 14. und 28. Mai sowie 4. und 29. Juni vorgesehen. Karten gibt es an der Theaterkasse oder online unter www.pfalztheater.de.

Das Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern zeigt vom 6. September bis 24. Oktober die Ausstellung „Leo Breuer – Zeichnungen aus dem Internierungslager Gurs". Der Bonner Maler, Zeichner und Plastiker überlebte die Hölle von Gurs. Eindrucksvoll hielt er den Lageralltag in graubraunen und Ockertönen fest. Seine wenigen aus den Jahren 1940/41 erhaltenen Werke, figürliche Aquarelle und Gouachen, bezeichnete er selbst vielsagend als „Grauenbilder". Im Mittelpunkt der Arbeiten, die erstmals museal präsentiert werden, steht der von Hoffnungslosigkeit gezeichnete Mensch. Leo Breuer, der 1893 in Bonn geboren wurde und hier 81-jährig starb, entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem bedeutenden Vertreter des geometrisch-konstruktiven Kunststils. Als Mitglied der Pariser Künstlergruppe „Réalités Nouvelles" interessierte er sich für geometrische Reihungen, Vibrationsbilder und kinetische, also sich bewegende, Reliefs.

Roland Paul, der auch am 4. November in Kusel über „Die Deportation nach Gurs vor 70 Jahren" referiert, erstellt derzeit rund 1.400 Kurzbiographien der aus der Pfalz und Baden verschleppten Juden. Darüber hinaus liefert er einen Beitrag über „Gedenkarbeit in der Pfalz" für ein reich bebildertes Buch, das die Arbeitsgemeinschaft zur Pflege und Unterhaltung des Deportiertenfriedhofs in Gurs herausgibt. Beide Arbeiten sollen im Herbst erscheinen. Jährlich gedenken die Franzosen und Gäste aus Deutschland auf dem Deportiertenfriedhof in Gurs der Opfer des Nazi-Regimes auf beeindruckende Weise. Zum wiederholten Mal sind am 24. Oktober eine Delegation des Bezirksverbands Pfalz und eine pfälzische Schülergruppe dabei, die neben der Gedenkfeier tags zuvor auch das ehemalige Lagergelände mit einem Zeitzeugen besuchen. Weitere Informationen zur Gedenkarbeit des Bezirksverbands Pfalz finden sich unter www.bv-pfalz.de/ueber-uns/gedenkarbeit.

Am 22. Oktober 1940 wurden rund 825 Pfälzerinnen und Pfälzer, darunter Kinder und Greise, in den frühen Morgenstunden aus ihren Betten gerissen, an mehreren Orten in der Pfalz zusammengetrieben und ins 1.300 Kilometer entfernte Internierungslager im südwestfranzösischen Gurs verschleppt. Zahlreiche von ihnen starben dort und in anderen südfranzösischen Lagern unter den katastrophalen Bedingungen, fast die Hälfte wurde in die Vernichtungslager der Nazis im Osten gebracht und ermordet. Einige überlebten den Terror, nur ganz wenige von ihnen kehrten in die Pfalz zurück.